USA 2025 Tag 9

24.09.

In der letzten Nacht hatte ich nicht wirklich gut geschlafen – ich hatte ständig Angst, den Wecker zu überhören. Wir hatten schließlich ein wichtiges Date vor uns: einen Helikopterflug über den Grand Canyon, den ich schon von Deutschland aus gebucht hatte.

Als dann um 06:00 Uhr das Handy schellte, war ich natürlich gerade tief und fest im Traumland – typisch! Trotzdem waren wir schnell startklar und standen um 07:15 Uhr bei Maverick Helicopters auf der Matte.

Dort gab es erst einmal den obligatorischen Check-in mit Wiegen (zum Glück nur zur Sicherheit und nicht für den BMI-Vergleich *grins*) und anschließend die Einweisung.

Tom durfte hinten rechts im Helikopter Platz nehmen, ich saß links direkt hinter dem Piloten. Das Pärchen, das noch mit uns flog, saß vorne. Im ersten Moment dachte ich noch: „Schade, vorne wäre bestimmt auch cool gewesen.“ Aber im Nachhinein stellte sich heraus: Hinter dem Piloten war der absolute Premiumplatz zum Filmen und Fotografieren – nicht nur wegen der Perspektive, sondern auch wegen des Sonnenstandes. Von dort hatte ich kaum störende Spiegelungen in den Scheiben.

Zuerst flogen wir über das weitläufige Waldgebiet, das sich oben auf dem Colorado Plateau erstreckt. Von hier oben sah es fast aus wie ein endloser grüner Teppich, durchzogen von kleinen Straßen und Lichtungen.

Doch dann kam der Moment, auf den wir beide gewartet hatten: Wir glitten über die Kante hinweg – und plötzlich lag der Grand Canyon in seiner ganzen Größe vor uns. Wow!!! Dieser erste Blick war so überwältigend, dass mir sofort die Tränen in die Augen schossen. Und selbst Tom musste ordentlich schlucken. Was für ein einmaliges Gefühl!

Der Grand Canyon ist rund 450 Kilometer lang, bis zu 30 Kilometer breit und an manchen Stellen fast 1.800 Meter tief. Entstanden ist dieses Naturwunder über Millionen von Jahren durch den Colorado River, der sich immer tiefer in das Gestein aus Schichten von bis zu zwei Milliarden Jahren gegraben hat. Ein gewaltiges Geschichtsbuch der Erde – und wir schwebten mittendrin. Absolut überwältigend!

Nach 45 Minuten Rundflug setzten wir wieder am Airport auf. Wir können wirklich jedem nur empfehlen: Wenn man den Grand Canyon noch nie gesehen hat, sollte man ihn unbedingt zuerst aus der Luft erleben. Dieser erste Moment, wenn sich die Schlucht unter einem auftut, ist unbeschreiblich und kaum in Worte zu fassen. Klar, der Spaß ist nicht gerade billig (419 $ p. P.; 397 €), aber er ist wirklich jeden Cent wert.

Ein kleiner Tipp von uns: Bucht, wenn möglich, die frühe Tour – morgens ist das Licht eindeutig am schönsten und zaubert die besten Farben und Stimmungen in die Felsen.

Noch ein bisschen durch den Wind und damit beschäftigt, all die Eindrücke im Kopf zu sortieren, parkten wir am Grand Canyon Visitor Center. Dort gönnten wir uns erst einmal eine kleine Pause, kochten in Ruhe einen Kaffee und ließen das gerade Erlebte nachklingen.

Gegen 10:30 Uhr machten wir uns dann auf den Weg, um unsere Fahrräder abzuholen, die ich schon von Deutschland aus reserviert hatte. Denn die Hermit Road, die westlich vom Village bis ganz zum Hermit’s Rest führt, darf man von März bis November nicht mit dem Wohnmobil oder privaten Pkw befahren. In dieser Zeit ist die Strecke nur per Shuttlebus, zu Fuß oder eben mit dem Fahrrad zugänglich.

Da wir keine Lust hatten, mit den Bussen an festen Haltepunkten auszusteigen – und 15 Kilometer pro Strecke zu Fuß dann doch ein bisschen viel für einen Tag gewesen wären –, waren die Fahrräder für uns die perfekte Wahl.

Mit unseren zwei blauen E-Bikes und den Helmen auf dem Kopf traten wir in die Pedale und fuhren los entlang des Rim Trails. Immer wieder hielten wir an den verschiedenen Aussichtspunkten an und konnten uns einfach nicht sattsehen. Man steht dort, blickt in diese unfassbare Weite – und doch gelingt es dem Kopf nicht, die Dimensionen zu fassen. Gigantisch, endlos, einfach überwältigend!

Den schönsten Aussichtspunkt fanden wir am Hopi Point. Dieser ragt weiter in den Canyon hinein als viele andere und bietet dadurch einen fast rundum freien Blick. Von hier schweift der Blick in einem weiten Panorama – ungefähr 180 Grad, vielleicht sogar noch ein Stück mehr.

Natürlich wollte ich an diesem Aussichtspunkt auch die Truthahngeier fotografieren, die im Grand Canyon majestätisch ihre Kreise zogen. Mit ausgebreiteten Flügeln glitten sie lautlos durch die Thermik – ein wirklich beeindruckender Anblick! Diese Aasfresser wirken mit ihrer Spannweite von rund anderthalb Metern schon enorm; gelegentlich sind hier im Grand Canyon sogar Kalifornische Kondore zu sehen, die mit bis zu drei Metern Spannweite noch deutlich größer sind.

Also griff ich nach meiner kleinen Kamera, um näher heranzoomen zu können – doch sie war verschwunden. Erschrocken schaute ich Tom an und fragte, ob er sie eingesteckt hätte. „Nein, habe ich nicht“, kam nur zurück. Mit klopfendem Herzen und Schweiß auf der Stirn, der diesmal nicht vom Radfahren stammte, rannte ich zurück zum letzten Aussichtspunkt. Vielleicht hatte ich die Kamera dort auf einen Stein gelegt? Fehlanzeige. In meinem Kopf war die Sache klar: Kamera weg, bestimmt geklaut. Genau in diesem Moment griff Tom wie nebenbei in seine Hosentasche – und zog die Kamera seelenruhig hervor. Ich hätte ihn in dem Augenblick am liebsten erwürgt.

Weiter ging es das letzte Stück der Strecke bis zum Hermit’s Rest. Dieser Aussichtspunkt war im Vergleich zu den anderen an diesem Tag eher unspektakulär und konnte mit den grandiosen Panoramen von Hopi Point & Co. nicht ganz mithalten. Nach einer kurzen Pause, in der wir unsere mitgebrachten Snacks verspeisten und uns eine kalte Cola gönnten, machten wir uns gegen 14:00 Uhr auf den Rückweg.

Aber natürlich fuhren wir nicht auf direktem Wege zurück. Wir nutzten die Gelegenheit und hielten noch am Pima Point – den hatten wir auf dem Hinweg glatt ausgelassen.

Und weil man von schönen Dingen ja nie genug bekommen kann, machten wir als allerletzten Stopp noch einmal Halt am wunderschönen Hopi Point.

Als wir um 15:40 Uhr die Fahrräder wieder abgegeben hatten, gönnten wir uns im Café erstmal einen wohlverdienten Kaffee und eine kleine Pause. Danach schlenderten wir noch zum letzten Aussichtspunkt des Tages – dem Mather Point. Auch dieser war wirklich wunderschön, erreichte aber nicht ganz die Magie des Hopi Point. Trotzdem sicherte er sich locker den zweiten Platz auf unserer persönlichen Rangliste und bildete damit einen stimmungsvollen Abschluss für diesen unvergesslichen Grand-Canyon-Tag.

Ziemlich geschafft und voller Eindrücke rollten wir noch kurz zur Dumpstation, bevor wir wieder unseren Stellplatz bezogen. Nach einem leckeren Abendessen vom Grill entfachte mein Hase ein kleines Lagerfeuer. Mit knisternden Flammen vor uns und der Milchstraße über uns ließen wir diesen unglaublich aufregenden und wunderschönen Tag gemütlich ausklingen. So geht perfekte Camping-Romantik. Gute Nacht!

Kilometer: 30
Kilometer mit dem Rad: 34
Wetter: Sonne, 26 °C


Tag 8 / Übersicht / Tag 10