30.09.
In der letzten Nacht hatten wir geschlafen wie die Murmeltiere – kein Wunder nach den Wanderungen des Vortages. Am Morgen ließen wir es ganz gemütlich angehen, ohne Hektik, ohne Weckerterror. Ich kuschelte mich noch einmal in die Decke und blickte hinaus – die ersten Sonnenstrahlen krochen vorsichtig über den Horizont und tauchten den Himmel in ein zartes Rosa. Ein richtig schöner Moment, um den neuen Tag langsam im Bett beginnen zu lassen.
Aber irgendwie zog es mich dann doch nach draußen – ich bin halt einfach eine kleine Fotomaus. Also schlüpfte ich schnell in meine Klamotten, kletterte die roten Felsen hinauf und erblickte einen wirklich traumhaften Sonnenaufgang.
Um kurz nach 09:00 Uhr verabschiedeten wir uns dann von dem schönen Stellplatz, fuhren aber nur ein paar Hundert Meter weiter zum Parkplatz der Skyline Arch.
1940 brach dort ein riesiger Steinblock heraus und vergrößerte die Öffnung deutlich – seitdem macht die Skyline Arch ihrem Namen alle Ehre.
Anschließend steuerten wir leider schon den letzten Punkt im Arches Nationalpark an – die Double Arch. Diese besteht, wie der Name schon sagt, aus zwei miteinander verbundenen Felsbögen, die aus einem gemeinsamen Sockel entspringen.
Besonders interessant ist ihre Entstehung: Anders als die meisten Bögen im Arches Nationalpark, die durch seitliche Erosion entstanden, formte sich die Double Arch durch das Ausspülen einer Sandsteinkuppel. Über Millionen von Jahren haben Regenwasser und Frost die schwächeren Schichten im Gestein von oben ausgewaschen, bis schließlich zwei gewaltige Öffnungen nebeneinander entstanden und miteinander verschmolzen.
Hier wurde übrigens auch eine Szene aus „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ gedreht.
Wir liefen direkt bis unter die beiden Bögen und fühlten uns dort winzig klein unter den gewaltigen Sandsteinwänden. Tom ließ sich gemütlich auf einen Felsen nieder, während ich natürlich weiter herumkraxelte und versuchte, das perfekte Foto einzufangen.
Von dort spazierten wir weiter zur Windows Section. Dieses Gebiet gehört zu den beliebtesten Fotospots im Park, weil sich hier gleich mehrere Bögen auf engem Raum versammeln: das North Window, das South Window und der markante Turret Arch. Über einen kurzen, gut ausgebauten Rundweg kann man alle drei Bögen bequem erreichen.
South Window Arch:
Die beiden Window Arches werden auch liebevoll die Spectacles – also „die Brille“ – genannt, weil sie nebeneinander wie zwei große Fenster in der Felswand wirken.
Am Turret Arch war es ziemlich windig, und der feine Sand fegte uns ununterbrochen ins Gesicht. Irgendwann lachten wir nur noch darüber, wie wir die Augen zukniffen und den Mund kaum aufbekamen, ohne knirschende Körnchen zwischen den Zähnen. Spätestens da stand für mich fest: Für unsere Namibia-Reise nächstes Jahr muss unbedingt ein Loop-Tuch auf die Packliste – so ein praktischer Schutz, den man sich einfach über Mund und Nase ziehen kann.
Kurz nach 12:00 Uhr hieß es dann endgültig Abschied nehmen vom Arches-Nationalpark. Der Park hat uns richtig gut gefallen, und ich könnte mir absolut vorstellen, hier irgendwann noch einmal herzukommen. Zumal wir ein, zwei Sachen diesmal gar nicht geschafft haben. Dann würden wir auf jeden Fall wieder denselben Campingplatz ansteuern, denn der war wirklich traumhaft gelegen. Allerdings muss man sagen, dass es gar nicht so einfach ist, dort überhaupt einen Platz zu bekommen, weil der Campground extrem beliebt ist.
Bevor wir uns weiter auf den Weg machten, stoppten wir noch einmal in Moab. Diesmal gingen wir aber nicht in den Supermarkt, in dem wir vor zwei Tagen schon gewesen waren, sondern schauten im Village Market vorbei. Und das war – natürlich – wieder ganz „furchtbar“, weil ich sofort jede Menge neue Sachen entdeckte, die unbedingt mitmussten. Alles, was auch nur ansatzweise nach Pumpkin Spice oder Maple schmeckt, landet bei mir einfach automatisch im Einkaufswagen. Kein Wunder also, dass der Wagen am Ende wieder deutlich voller war, als eigentlich geplant.
Und wenn wir schon einmal da waren, schlenderten wir auch noch ein wenig durch die anderen Geschäfte. In den kleinen Läden mit Outdoor-Klamotten, Souvenirs und allerlei Krimskrams könnte ich mich ja stundenlang verlieren – während Tom irgendwann ungeduldig auf die Uhr schielt. Aber ein bisschen Bummeln gehört für mich einfach dazu, vor allem in so einer lebhaften Stadt mitten zwischen den roten Felsen.
Mit einer kleinen, feinen Ausbeute in Form eines Magnetpins, eines T-Shirts, einer Vase und einer Kaffeetasse schlenderten wir zurück zum Wohnmobil. Bevor wir losfuhren, machten wir noch einen Stopp bei den Moab Coffee Roasters, um uns mit einem frischen Kaffee und ein paar Leckereien einzudecken. Natürlich konnte ich nicht widerstehen und bestellte mir einen Pumpkin Spice Latte mit extra Caramel Drizzle (sooo gut!), während Tom es wie immer klassisch hielt und sich einen Americano gönnte.
Um 15:00 Uhr machten wir uns dann auf den Weg zum Capitol Reef National Park. Der Park ist weniger bekannt als seine großen Brüder wie Zion oder Bryce, ein echter Geheimtipp abseits der typischen Touristenströme. Seinen Namen verdankt er den weißen Kuppeln aus Navajo-Sandstein, die frühe Entdecker an das Kapitol in Washington D.C. erinnerten, und dem markanten Felsriegel, der sich als Waterpocket Fold über fast 160 Kilometer durch die Landschaft zieht.
Diese beeindruckende geologische Falte, die wie eine aufgeschobene Erdschicht wirkt, hat dem Gebiet den Beinamen „Reef“ eingebracht – eine Barriere, die früher für Siedler ähnlich schwer zu überwinden war wie ein Korallenriff im Meer. In der Region wurden jahrtausendealte Siedlungsspuren gefunden, und später ließen sich hier Mormonen in der kleinen Ortschaft Fruita nieder, die noch heute für ihre Obstgärten bekannt ist – und genau dort hatten wir auch unseren Campingplatz.
Auf dem endlos langen Weg über schnurgerade Straßen durch die Einöde hielten wir unterwegs am Kathleen Rock. Am Parkplatz entdeckten wir ein paar kleine Röhrchen, die auf den ersten Blick wie schlichte Metallrohre aussahen, im Prinzip aber als einfache Teleskope dienten: Wenn man durch eines hindurchblickte, sah man exakt den Punkt, der direkt darunter auf einem Schild beschrieben war.
Die dicke, dunkle Regenwolke, die sich hinter uns entlud, sah richtig dramatisch aus. Zum Glück erreichte der Regen uns nicht – wir konnten das Spektakel also aus sicherer Entfernung beobachten.
Als wir uns dem Capitol Reef Nationalpark näherten, änderte sich die Landschaft merklich. Links und rechts der Straße ragten plötzlich markante Berge auf, die fast wie riesige Kiesgruben wirkten. Tatsächlich handelt es sich hier um sogenannte Badlands – stark erodierte Hänge aus Ton- und Sandstein, die im Laufe von Millionen Jahren durch Wind und Wasser geformt wurden. Ihre schroffen, graubraunen Flanken und die kargen Schutthalden sind typisch für diese Gegend und wirkten auf uns fast surreal. Wie unnatürlich kann die Natur eigentlich aussehen?
Am Eingang hielten wir natürlich am Nationalpark-Schild an und schossen unser obligatorisches Foto. Ich finde es einfach klasse, dass bisher an allen Schildern kleine Plattformen für Kameras oder Handys aufgebaut sind – so hat man immer den perfekten Untergrund für ein Erinnerungsbild. Daumen hoch dafür!
Unser erster Stopp im Park war die Behunin Cabin. Sie ist so winzig und doch diente sie 1882 Elijah Cutler Behunin, seiner Frau Tabitha Jane und ihren 13 Kindern als Zuhause. Kaum vorstellbar, dass hier tatsächlich so viele Personen gleichzeitig lebten. Die Familie gehörte zu den ersten mormonischen Siedlern, die versuchten, im Gebiet des heutigen Capitol Reef eine Heimat aufzubauen.
Doch das Leben hier war alles andere als einfach: brütend heiße Sommer, eiskalte Winter und die ständigen Überschwemmungen des Fremont River machten das Überleben fast unmöglich. Schon nach einem Jahr gab die Familie auf und zog in höher gelegene Gebiete. Die kleine Hütte blieb als stilles Mahnmal zurück – ein Zeugnis für den harten Alltag der Pioniere.
Anschließend machten wir Halt bei den Petroglyphs. Ein schmaler Holzsteg führte uns am Felsen entlang, und wir mussten schon genau hinschauen, um die alten Ritzzeichnungen der Ancestral Puebloans zu entdecken – nicht alle waren ausgeschildert. Zu sehen gab es schemenhafte Figuren von Menschen, Tieren und Symbolen, die rund 600 bis 1.300 Jahre alt sind.
Unser letzter Kulturstopp war die kleine Historic Fruita School. Das einräumige Schulhaus wurde 1896 errichtet, als die Siedlung Fruita wuchs und die Kinder eine eigene Schule brauchten. Hier saßen bis zu 22 Schüler, unterrichtet von nur einer Lehrerin, die nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen vermittelte, sondern auch religiöse Werte. Ein eiserner Ofen sorgte im Winter für Wärme, und die schlichten Holzbänke sowie die kleine Tafel erzählen noch heute vom einfachen Schulalltag. Mehr als 45 Jahre lang war die Schule das Herzstück der kleinen Gemeinde, bevor sie 1941 endgültig geschlossen wurde.
Schön fanden wir die historischen Obstgärten von Fruita, die sich entlang des Fremont River erstrecken. Schon die mormonischen Pioniere pflanzten hier ab den 1880er-Jahren tausende Bäume. Äpfel, Aprikosen, Kirschen, Pfirsiche, Birnen und Pflaumen versorgten die Siedler mit Nahrung und Einkommen. Jede Familie hatte ihre eigenen kleinen Obstwiesen, die wie grüne Inseln in der kargen Wüstenlandschaft wirkten.
Auch heute noch werden die Gärten liebevoll gepflegt. Die Parkranger nutzen dafür teilweise dieselben Bewässerungskanäle, die schon die Pioniere im 19. Jahrhundert in mühsamer Handarbeit gegraben hatten. Natürlich kämpft man mittlerweile mit neuen Herausforderungen wie Klimawandel, Dürre oder zu früh blühenden Bäumen – doch die alten Sorten werden weiterhin bewahrt.
Kurz vor 19:00 Uhr erreichten wir schließlich unseren wunderschön gelegenen Campingplatz. Erstmal hieß es dumpen, dann bezogen wir unsere Site, zündeten den Grill an und ließen den Abend am knisternden Lagerfeuer ausklingen. Ein perfekter Abschluss für einen erlebnisreichen Tag!
Kilometer: 284
Wetter: Sonne-Wolken-Mix, 28 °C
Campingplatz: Fruita Campground (25 $; 24 €)
Kein Strom, aber Wasser und Dumpstation