02.10.
Dank Wärmflasche und zusätzlicher Decke hatte ich in der Nacht tatsächlich nicht gefroren. Am Morgen warf ich sofort die Heizung an – draußen waren es gerade einmal 5 °C – und nach einer heißen Dusche waren wir auch schon einigermaßen fit für das nächste Abenteuer. Pünktlich um 06:45 Uhr rollten wir mit dem Camper Richtung Canyonrand – Ziel: der Sonnenaufgang.
Ob nun Sunrise Point oder Sunset Point – so richtig entscheiden konnte ich mich nicht. Im Internet gab es unterschiedliche Angaben, welcher denn nun schöner sei… Also parkten wir einfach ziemlich genau in der Mitte. Problem gelöst! Das erwies sich als ziemlich genial, denn an beiden offiziellen Punkten drängelten sich schon Unmengen an Menschen, und so richtig romantisch war das dort nicht. Wir dagegen standen auf unserem improvisierten „High Noon Point“ – eine Mischung aus Eigenkreation und Notlösung – und hatten den Sonnenaufgang dort ganz in Ruhe für uns.
Nachdem die Speicherkarte mit Sonnenaufgangsbildern schon fast glühte, steuerten wir das Wohnmobil Richtung Visitor Center und parkten dort artig auf dem XXL-Platz – extra für Camper.
Um 09:30 Uhr ging es dann mit dem Shuttle zum Bryce Point, wo die Morgensonne traumhaftes Licht für ein paar richtig schöne Fotos bot.
Am Bryce Point standen wir an einem der spektakulärsten Aussichtspunkte des ganzen Parks. Auf gut 2.530 Metern Höhe eröffnete sich uns ein Panorama, das einfach sprachlos machte. Die Hoodoos leuchteten in allen möglichen Rot- und Orangetönen, und die Sonne zauberte wunderschöne Kontraste ins Amphitheater. Der Blick reichte weit über das gewaltige Felsenmeer, und wir standen eine ganze Weile einfach nur da und ließen dieses Naturtheater auf uns wirken.
Mit dem Shuttlebus ließen wir uns anschließend weiter zum Inspiration Point bringen. Der Name versprach schon einiges – und tatsächlich: Die Aussicht von hier oben war noch einmal ganz anders. Man blickt tiefer ins Amphitheater hinein, und die dicht an dicht stehenden Hoodoos wirkten fast wie eine riesige Armee aus steinernen Figuren.
Von dort aus starteten wir unsere kleine Wanderung auf dem Rim Trail, immer am Canyonrand entlang.
Jeder Blick eröffnete wieder ein neues Panorama – tiefe Schluchten, unzählige Felsnadeln und diese unglaublichen Farben. Wow, wir konnten uns gar nicht sattsehen! Natürlich klickte die Kamera im Dauermodus, und am Ende hatten wir wieder viel zu viele Bilder auf der Speicherkarte. Aber mal ehrlich: Wie soll man sich bei dieser Kulisse auch zurückhalten? Lieber zu viele als am Ende zu Hause dazusitzen und zu sagen: „Hach, hätten wir doch mal noch eins gemacht.“
Am Sunset Point begann für uns die Wanderung auf dem Navajo Loop Trail – einer der bekanntesten Rundwege im Bryce Canyon. Der Trail ist nur rund 2,2 Kilometer lang, bringt dabei aber knapp 160 Höhenmeter mit sich. Klingt erstmal überschaubar, aber auf der kurzen Distanz bedeutet das: Es geht ordentlich bergab – und später natürlich wieder hinauf. Tom war – wie sollte es anders sein – schwer begeistert. Ich sag’s ja: leicht hat er es mit mir wirklich nicht … wobei, ganz ehrlich, ich mit ihm manchmal auch nicht. *lach*
Vorab hatte ich gelesen, dass man unbedingt über die Wall Street absteigen und über Two Bridges zurückgehen sollte – und genau so machten wir es. Die Wall Street ist der steilere Abschnitt, aber spektakulär ohne Ende: ein enger Slot Canyon mit bis zu 30 Meter hohen, senkrechten Felswänden, die wie eine rote Kathedrale über uns aufragten. Dazu die Hoodoos rechts und links – einfach beeindruckend!
Unten am tiefsten Punkt des Trails legten wir eine kleine Pause ein, aßen und tranken etwas und beobachteten die Wanderer, die vom Queens Garden Trail kamen. Viele standen dort unschlüssig, ob sie links die Wall Street oder rechts die Two Bridges hinaufsteigen sollten. Tja – schwere Entscheidung, aber der schönere Weg ist ohne Frage die Wall Street, auch wenn sie anstrengender ist.
Wir selbst wählten für den Rückweg natürlich die Two Bridges – und das war genau die richtige Entscheidung. Der Aufstieg war dadurch zwar immer noch sportlich, aber deutlich angenehmer. Trotzdem: Wer sich für nur eine Seite entscheidet, sollte unbedingt die Wall Street laufen – die Two Bridges sind nett, aber bei weitem nicht so eindrucksvoll.
Ziemlich genau zwei Stunden nach unserem Start kamen wir wieder am Sunset Point an. Der Weg ist zwar anstrengend, aber wunderschön – und ein absolutes Must-Do im Nationalpark.
Anschließend spazierten wir gemütlich am Rim Trail entlang bis zum General Store. Diese Läden hatte ich schon im Yellowstone-Nationalpark geliebt – eine Mischung aus Outdoor-Shop, Souvenirladen und Snackbar, einfach richtig cool. Natürlich blieben wir nicht nur zum Stöbern dort, sondern deckten uns auch gleich mit Snacks und kalten Getränken ein. Und wie es so ist: Ganz ohne Shopping geht’s bei mir natürlich nicht. Am Ende landeten auch zwei neue Oberteile in unserer Tasche – ich griff mir ein T-Shirt, während Hase sich einen Pulli aussuchte.
Mit dem Camper machten wir uns danach auf den Weg zum Rainbow Point, dem Endpunkt der Sackgasse, die als Scenic Drive bekannt ist. Diese Panoramastraße zieht sich rund 29 Kilometer vom Bryce Amphitheater bis ganz in den Süden des Parks und bietet unterwegs zahlreiche Aussichtspunkte.
Wir entschieden uns, zunächst komplett bis zum Rainbow Point durchzufahren und die ganzen Viewpoints erst auf dem Rückweg mitzunehmen. Denn beim Hinunterfahren lagen sie alle auf der linken Seite – so passte es perfekt, später auf der Rückfahrt ganz entspannt rechts anzuhalten.
Am Rainbow Point stolperten wir nicht nur über eine tolle Aussicht, sondern auch über ein Schild mit ein bisschen Geschichte. Und die fanden wir besonders witzig: Ebenezer Bryce, der Namensgeber des Canyons, kam nämlich ursprünglich aus Schottland. Da schlägt unser Herz natürlich gleich ein Stück höher – Schottland verfolgt uns irgendwie überall hin.
Der gute Mann war ursprünglich Schiffsbauer, zog später in die USA, wurde Mormone und heiratete Mary Ann. 1876 ließ sich das Paar in Tropic nieder, wo Ebenezer eine Straße ins Hoodoo-Amphitheater baute, um leichter Holz schlagen zu können. Die Leute nannten die Gegend bald „Bryce’s Canyon“ und so war der Name geboren.
Mit zwölf Kindern (Respekt!) und mehreren Umzügen zwischen Utah und Arizona führte er ein bewegtes Leben. Ganz nebenbei entwarf Ebenezer auch die Pine Valley Chapel, die älteste noch genutzte Mormonen-Kirche in Utah – natürlich in Schiffsform, ganz wie es sich für einen Schiffsbauer gehört.
Auf dem Rückweg hielten wir dann natürlich brav an all den Aussichtspunkten, die ich mir vorher markiert hatte. Und ja, keine Frage – sie waren alle wirklich schön! Aber ganz ehrlich: Wenn man vorher schon am Amphitheater gestanden hat, dann können die anderen Ausblicke einfach nicht mehr mithalten. Irgendwie ist man da schon so verwöhnt, dass die kleineren Viewpoints ein bisschen an Wirkung verlieren. Trotzdem machten wir unsere Stopps, genossen die Ruhe dort und knipsten natürlich fleißig Fotos.
Ehrlicherweise müssen wir aber zugeben, dass uns die Natural Bridge dann doch wieder beeindruckt hat. Plötzlich standen wir vor einer riesigen Naturbrücke aus Stein, die wir so gar nicht erwartet hatten. Mit einer Höhe von etwa 30 Metern und einer Breite von ungefähr 25 Metern wirkt sie wie ein gigantisches Tor, das Mutter Natur in den Fels gemeißelt hat – und das machte sie für uns definitiv zu einem kleinen Highlight.
Danach legten wir noch einen kurzen Stopp am Fairview Point und am Piracy Point ein – schließlich wollte ich ja auch meine Markierungen auf der Karte brav abarbeiten. Ach, und fast vergessen: Am Swamp Canyon Overlook gab es natürlich auch noch ein Foto.
Danach war aber wirklich Schluss mit dem Scenic Drive. Wir rollten zurück nach Bryce Canyon City und steuerten direkt Ruby’s General Store an. Noch ein paar Lebensmittel einkaufen – wie irgendwie fast jeden Tag! *lach* Aber wir lieben es einfach, durch amerikanische Supermärkte zu schlendern und neue Leckereien zu entdecken.
Da die Lebensmittelabteilung dort doch relativ überschaubar war, fiel unsere Ausbeute diesmal nicht ganz so groß aus. Zum Schmunzeln brachte uns aber der Kassenstopp: Tom wurde tatsächlich nach seinem Ausweis gefragt, weil er ein paar Dosen Bier kaufen wollte. Ähm, hallo? So jugendlich sieht mein Hase nun wirklich nicht mehr aus – aber in Utah gilt eben die strenge Regel, dass bei jedem, der alkoholische Getränke kaufen will und unter 35 wirken könnte, der Ausweis überprüft werden muss. *gröhl*
Zurück am Campingplatz gab es an diesem Abend für mich eine heiße Suppe und für Tom eine Portion Nudeln. Damit wir nicht so viel abspülen mussten, futterten wir ganz pragmatisch direkt aus dem Topf.
Das Lagerfeuer war allerdings nicht der Hit. Das zuvor gekaufte Holz war leider noch ziemlich feucht, qualmte mehr, als dass es brannte, und ließ uns eher in Rauchschwaden sitzen als in gemütlicher Glutwärme.
Kilometer: 71
Wetter: Sonne, 5 °C – 24 °C